Ökohof Kuhhorst
Von den ausgedehnten Schlammpfützen mitten im Hof ist nichts mehr geblieben. Diejenigen, die sie nicht bei der Exkursion vor zehn Jahren mit eigenen Augen gesehen hatten, konnten nur verwundert die Fotos auf der Stellwand betrachten, auf denen sich Traktoren mit einer „Bugwelle“ durchs sicher knietiefe Wasser pflügten. Dieser erste Eindruck wird sich im Laufe der Führung durch Joachim Brych, Monika Zecher und Jürgen Schneider bestätigen: Hier hat sich viel getan.
Die Schlammpfützen - auch das erfährt man während der Führung - hatten ihre Ursache in der landschaftlichen Lage: Umgeben von Niedermoor am nördlichen Rand des havelländischen Luchs war Kuh-Horst bei seiner Besiedelung der einzige Punkt der Gegend, der auch im Herbst (beinahe) trocken blieb - daher der Ortschaftsname mit „Horst“. Schon Theodor Fontane berichtete von den Tücken der Gegend, wo man die Kühe im Herbst mitten im Sumpf zerlegen musste - weil man sie ganz gar nicht mehr transportieren konnte. Auf dem heutigen Ökohof Kuhhorst zeugt allerdings nur noch die museal anmutende Lorenbahn von der moorigen Vergangenheit. Deren variable Schienen brauchte man, um Mist und Ernte transportieren zu können, wenn die Wege schon nicht mehr befahrbar waren.
Seither ist bis zur Verleihung des ersten Platzes des Förderpreises für ökologischen Landbau im Jahr 2006 viel passiert. Als Joachim Brych 1991 hier anfing, hatte er ein Konzept für 60 Hektar in der Tasche - und sah sich „plötzlich einem ostdeutschen Großbetrieb mit 400 Hektar Pachtland“ gegenüber. Die ersten Färsen kamen 1993, die erste Gruppe des Berufsbildungsbereichs startete in einem Gartenhäuschen und in den Anfangsjahren musste der komplette Wochenenddienst von den Gruppenleitern abgedeckt werden. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Anfangszeit viel Engagement von allen Beteiligten verlangte. Die Grund- und Bodenfrage blieb lange schwierig, erst 2007 war es möglich 130 Hektar zu kaufen.
Der Ökohof heute
Heute gibt es neue Stall-, Wirtschafts- und Wohngebäude auf dem Ökohof und - in einer überausgelasteten 60er Werkstatt - 80 Arbeitsplätze in verschiedenen Arbeitsbereichen:
- Stall- und Außenwirtschaft
- Obst- und Gemüseanbau
- Gänse- und Entenmast
- Lagerung, Reinigung und Verarbeitung von Getreide
- Nudelherstellung
- Käserei
- Fleischverarbeitung
Im Gartenbau, in der Lebensmittelverarbeitung und im Stall gibt es jeweils auch Teilnehmer des Berufsbildungsbereichs, denn „man muss sich ja den eigenen Nachwuchs heranziehen“. Träger ist der gemeinnützige Unternehmensverbund „Mosaik“, der sich in vier juristische Personen unterteilt:
- Mosaik-Werkstätten für Behinderte gGmbH
- Ökohof Kuhhorst
- Mosaik-Services Integrationsgesellschaft mbH
- Das Mosaik e.V.
Einer der Kerngedanken ist, durch die Kombination von Ackerbau, Viehhaltung, Verarbeitung, Vermarktung und Wohnen vielfältige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Besonders bieten sich Weiterverarbeitungsschritte an, bei denen durch die Handarbeit eine besondere Qualität erzielt wird, die sich dann auch im Preis des Produktes niederschlagen kann. So wird das Getreide auf dem Hof gereinigt und der Dinkel geschält. Bandnudeln in Rot, Orange, Grün und Lila oder in der Form von Bauernhoftieren liegen dann im Hofladen zum Verkauf. In der Käserei werden das Kuhhorster GutsRad, verschiedene Fruchtjoghurts und Dessertcremes sowie Quark mit unterschiedlichen Verfeinerungen produziert. Die Vermarktung läuft über den Hofladen, aber auch über etliche Bio-Läden in Berlin. „Schließlich sind wir nur 60 Kilometer vom Ku-Damm entfernt“. Seit Jüngstem ist das Ökohof-Sortiment auch recht prominent platziert in den Läden der „BioFrischeMarkt-Kette“ zu finden.
Ökohof Kuhhorst – ein guter Getreidestandort
Mit durchschnittlich 43 Bodenpunkten gehört Kuhhorst zu den besten Standorten im Kreis Ostpregnitz-Ruppin. „Ein Weizenstandort“, fasst Joachim Brych zusammen, „dieses Jahr konnten wir 600 Tonnen Getreide ernten“: neben Weizen und Dinkel auch Emmer und Buchweizen. Bei so einer besonders guten Ernte war es ein Glück, dass just für dieses Jahr eines der alten Stallgebäude als Getreidespeicher nutzbar wurde, sonst hätte der Lagerplatz nicht ausgereicht. Etwa ein Viertel der Fläche ist Grünland.
Die Tierhaltung
Durch einen 1,5 Millionen Euro teuren Neubau kann die Rinderherde mit 80 Milchkühen und Jungvieh (davon 70 für Ochsenmast) seit dem Jahr 2000 einen neuen Tiefstreu-Stall bewohnen - und dankt dies mit einer Milchleistung von 400 Tonnen pro Jahr - 7.000 Liter pro Kuh. Unter den Teilnehmern entspinnt sich die Experten-Diskussion über ein Für und Wider der Enthornung. Mit im Stall stehen auch sieben Deutsche Schwarzbunte Niederungsrinder als Genreserve.
Auch die 100 Schweine des Hofes gehören einer bedrohten Nutztierrasse an, dem deutschen Sattelschwein. Ein Herdbucheber und sechs Zuchtsauen sorgen für Nachzucht und Fleischerzeugung - und beliebte Arbeitsplätze. Komplettiert wird das Arche-Konzept auf Hof Kuhhorst durch Skudden und eine alte Zweinutzungshühnerrasse, das Maran-Huhn, das schokoladenbraune Eier legen soll. 600 Enten und 800 Gänse werden in den Sommermonaten auf der Gänsewiese durch die Werkstattbeschäftigten betreut und im November sowie zur Weihnachtszeit vermarktet: Eine jährliche Großaktion, die Kunden anzieht und bei der alle Bereiche und Beschäftigten auf Hof Kuhhorst mit anpacken. Wie man dem Wassergeflügel den nach Bio-Richtlinien vorgeschriebenen Zugang zu Wasser verschafft, wurde unter den anwesenden Praktikern debattiert. Der Bedrohung durch Vogelgrippe wird hier mit der Haltung von Indikatorenhühnchen in der Wassergeflügelherde vorgebaut.
Die Verarbeitung und der Gartenbaubereich auf dem Hof
Die Verarbeitungsbereiche Fleischerei, Käserei und Nudelherstellung sind in neuen Wirtschaftsgebäuden untergebracht. In der Käserei ist derzeit leider die Stelle eines Käsers unbesetzt, was zu Schwierigkeiten bei der Hartkäseproduktion führt, hoffentlich aber bald aufgefangen werden kann.
Durch den Gartenbaubereich mit etwa 2.000 Quadratmeter Fläche und vier Gewächshäusern führt Jürgen Schneider. Hier wird vielfältiges Saisongemüse angebaut und in der Obstplantage wachsen neben Äpfeln, Kirschen und Pflaumen auch verschiedene Beerensorten.
Wohnen und Leben auf dem Ökohof Kuhhorst
Seit 2004 gibt es auch zwei Wohngebäude für 24 Menschen auf dem Gelände und mehr und mehr wird das Gelände im Rahmen von künstlerischen Begleitangeboten auch ausgestaltet.
Manche Fragen tauchen wohl in den meisten Grünen Werkstätten auf: „Bodenbearbeitung? Die mach' ich nach Feierabend. Ich kann ja nicht die zehn Beschäftigten mitnehmen und am Rand ins Gras setzen.“, trägt es Jürgen Schneider mit Humor.
Aber auch wenn sicher viele Fragen noch offen sind - es hat sich viel entwickelt und gewandelt in den letzten zehn Jahren auf dem Ökohof Kuhhorst.



