Qualitätsmanagement in Werkstätten für Behinderte
 
   
 

Zertifizierung nach DIN ISO auch für Öko-Landbaubetriebe?

In Industrie- und Dienstleistungsunternehmen hat in den letzten Jahren die Einführung von QMS nach DIN ISO 9000ff. und deren Zertifizierung stetig zugenommen. Die Motivation für die Einführung ist jedoch sehr unterschiedlich. Einige Firmen führen QMS ein, weil sie vom Nutzen für die Firma überzeugt sind, andere wiederum sind dazu "gezwungen", weil es gesetzliche Vorgaben gibt oder die belieferten Kunden im Rahmen ihres TQM (Total Quality Management) ein QS-Zertifikat für eine Auftragserteilung voraussetzen.

Im Zuge der beschriebenen Entwicklung wird zunehmend diskutiert, ob die Einführung von QMS in bisher eher untypische Bereiche wie die Landwirtschaft und das Lebensmittelhandwerk Sinn macht. Diese Frage stellt sich insbesondere für Betriebe, die ökologische Produkte erzeugen oder verarbeiten, da hier ein besonderer Qualitätsanspruch besteht. Zuerst muss betrachtet werden, ob durch die bereits vorhandenen gesetzlichen und privatrechtlichen Vorgaben für die Erzeugung und Herstellung von Öko-Produkten und der damit verbundenen Kontrolle und Zertifizierung nicht schon Bereiche der QS-Normen abgedeckt sind.

Abdeckung der Elemente der Normenreihe 9001-9003 durch Kontrolle bei Öko-Produkten (pdf-Datei)

 
 

Anforderung der DIN ISO 9000 ff. an Unternehmen

Die Tabelle enthält die Anforderungen der DIN ISO 9000ff. an Unternehmen und eine Bewertung, welche Elemente der DIN durch die Richtlinien für die Herstellung von Öko-Produkten sowie die darauf basierenden Prozesskontrollen durch Kontrollstellen bereits erfasst werden. Grundlage für die Bewertung ist die gesetzliche Mindestvorgabe für die Herstellung von Öko-Produkten (VO (EWG) 2092/91) sowie die privatrechtlichen Standards der Mitgliedsverbände der ArbeitsGemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL).

Es wird deutlich, dass durch die derzeitige Praxis der Öko-Zertifizierung nahezu alle Anforderungen der DIN ISO 9000ff. erfüllt werden.

Insbesondere der sogenannte Betriebsprozess (Erzeugung, Zukauf von Betriebsmitteln, Verarbeitung und der Warenausgang) wird durch die Öko-Zertifizierung erfasst.

Nicht erfasst werden Teile des Bereichs "Lenkung des QMS". Zu diesem Bereich zählen die schriftliche Festlegung des QMS in Form eines Qualitätssicherungshandbuches, die dazugehörige Dokumentenlenkung sowie die regelmäßige Überprüfung der vorgenannten Punkte in Form von internen Audits.

 
 

Für welche Betriebe hat die Lenkung eines QMS eine Bedeutung?

Die Notwendigkeit der Lenkung eines QMS hängt von folgenden Faktoren ab:

  • Verteilung von Verantwortlichkeiten auf mehrere Personen
  • Häufigkeit der Delegation von Aufgaben
  • Umfang der Tätigkeiten, die von verschiedenen Personen durchgeführt werden

Durch die Lenkung eines QMS soll sichergestellt werden, dass

  • Verantwortlichkeiten klar geregelt sind
  • Abläufe für alle zuständigen Mitarbeiter transparent und nachvollziehbar sind
  • alle Tätigkeiten von allen Mitarbeitern gemäß den Vorgaben umgesetzt werden

Die Bedeutung der Lenkung eines QMS nimmt mit der Größe eines Unternehmens und der Komplexität der Betriebsprozesse zu. Je höher die Anforderungen an die interne Kommunikation und Dokumentation in einem Unternehmen sind, desto sinnvoller ist die Einführung eines QMS.

Für typische landwirtschaftliche Familienbetriebe und kleine Familienbetriebe des Lebensmittelhandwerks ist die Einführung zusätzlicher QM-Elemente über die Vorgaben der Richtlinien für die ökologische Erzeugung hinaus nicht zwingend. Verantwortlich für sämtliche Betriebsbereiche ist in der Regel der Betriebsleiter. Neben den Familienmitgliedern werden ein bis max. zwei Fremdarbeitskräfte beschäftigt. Durch die tägliche Zusammenarbeit ist die interne Kommunikation intensiv, die Kontrolle der Arbeitsabläufe durch den Betriebsleiter ebenso. Trotzdem kann es sinnvoll sein, bestimmte Arbeitsabläufe für Urlaubs- und Krankheitszeiten zu dokumentieren, um sicherzustellen, dass die Vertretung die Arbeiten korrekt durchführt.

Für größere landwirtschaftliche Betriebe und Betriebe des Lebensmittelhandwerks mit vielen Mitarbeitern ist die Einführung von zusätzlichen QM-Elementen sicherlich notwendig. Welche Elemente ergänzt werden sollten, muss durch eine Analyse der bestehenden Regelungen im Einzelfall ermittelt werden. In diesen Prozess sollten möglichst alle betroffenen Mitarbeiter einbezogen werden.

 
 

Zertifizierung nach DIN ISO 9000ff.?

Neben der Entscheidung über die Einführung eines QMS muss das Unternehmen auch entscheiden, ob dieses System zertifiziert werden soll. Hierzu ist es hilfreich sich vor Augen zu führen, was der Begriff Zertifizierung eigentlich bedeutet:

  "Maßnahme durch einen unabhängigen Dritten, die aufzeigt, dass angemessenes Vertrauen besteht, dass ein ordnungsgemäß bezeichnetes Erzeugnis, Verfahren oder eine ordnungsgemäße Dienstleistung in Übereinstimmung mit einer bestimmten Norm oder einem normativen Dokument ist". (EN 45011, CEN 1989)

Es ist also von der Kundenerwartung abhängig, ob die Öko-Zertifizierung des Unternehmens bzw. seiner Produkte ausreicht oder eine zusätzliche Zertifizierung gemäß DIN ISO 9000ff. notwendig ist. Der Betrieb muss unter Abwägung von Kosten (für die Akkreditierung) und Umsatz (welcher ohne Zertifizierung dem Betrieb entgeht) durch Neukunden prüfen, ob er durch die Zertifizierung einen ökonomischen Nutzen erzielt.

Für die interne Umsetzung des QMS oder einzelner Elemente hiervon ist die QMS-Zertifizierung verzichtbar. Die Umsetzung kann durch die Benennung eines Mitarbeiters zum QMS-Beauftragten erfolgen, der die Qualifikation vorweisen muss. Für die Umsetzung kann auch ein externer QMS-Berater beauftragt werden. Diese Lösung ist wesentlich kostengünstiger als eine QMS-Zertifizierung.

 
   
 
 
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FAZIT
 
Durch die Praxis der Öko- Zertifizierung werden nahezu alle Anforderungen der DIN ISO 9000ff. erfüllt. Insbesondere der so genannte Be- triebsprozess (Erzeugung, Zukauf von Betriebsmitteln, Verarbeitung und der Warenausgang) wird durch die Öko-Zertifizierung erfasst. Ob die Einführung eines QMS oder einzelner Elemente in öko-zertifizierten Betrieben notwendig ist, lässt sich nicht pauschal beantworten und muss im Einzelfall geprüft werden. Je grösser die Betriebe und je vielfältiger und komplexer die Entscheidungsstrukturen sind, desto sinnvoller ist die Einführung zumindest von Teilen eines QMS. Die Zertifizierung von eingeführten QMS ist in der Regel nur für Unternehmen notwendig, deren Kunden ein QMS-Zertifikat zur Bedingung für eine Beauftragung machen oder wenn die QMS-Zertifizierung gesetzlich vorgegeben ist. Die innerbetriebliche Umsetzung eines QMS ist hingegen völlig unabhängig von der QMS-Zertifizierung und kann anderweitig sichergestellt werden.
 
TIPP
 
Autor:
Rolf Mäder
Tel.: 069 7137699-71
Fax: 069 7137699-9
 

BUCHEMPFEHLUNG

 
 
Der Rubrik "LEITFADEN" liegt die Buchveröffentlichung der AGÖL "Leitfaden Ökologischer Landbau in Werkstätten für Behinderte" zugrunde.
Erschienen ist der Leitfaden im VAS - Verlag für Akademische Schriften, ISBN 3-88864-302-3,
215 Seiten mit 110 Abbildungen und 8 Vierfarbtafeln, DM 39,80
 
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