Förderung behinderter Mitarbeiter
 
   
 

Das pädagogische Potenzial in der Landwirtschaft
(nach dem pädagogischem Konzept der Beschützenden Werkstätte Tempelhof e.V.)

Die Sinnzusammenhänge der landwirtschaftlichen Arbeiten sind im Vergleich zu industriellen Montagearbeiten und Lohnfertigungsaufträgen meist einfacher zu durchschauen. Für den behinderten Mitarbeiter ist es leichter, einen unmittelbaren Bezug zur Arbeit herzustellen. Die Arbeiten sind vielseitig, abwechslungsreich und sprechen körperliche und geistige Leistungsfähigkeit gleichermaßen an. Sie bieten individuelle Fördermöglichkeiten und Ansatzpunkte, den Erlebnis- und Erfahrungshorizont zu erweitern. Soziales Verhalten wird gelernt, eingeübt und erlebt.

 
 

Pädagogische Argumente für die Landwirtschaft

Natürliche Regelmäßigkeiten

Die Tierhaltung erfordert regelmäßige, täglich anfallende Arbeiten. Verschiedene Arbeiten fallen saisonal, im Jahreslauf immer wiederkehrend, an. Das landwirtschaftliche Jahr fließt nicht als gerader Strom von Stunden, Tagen, Wochen und Monaten. Zeit wird in der Landwirtschaft für die Beschäftigten begreifbar als Wachstums-, Reife- und Erntezeit.

Landwirtschaftliche Arbeiten sind eine "gesunde" Mischung aus regelmäßig anfallenden Tätigkeiten, die dem Ausführenden Sicherheit und Selbstvertrauen geben ("das kann ich, das habe ich schon oft gemacht"), und wechselnden, neuen Aufgaben, die herausfordern, Gelerntes anwendbar machen und neue Erfolge vermitteln.

Einsicht, Notwendigkeit

Der Umgang mit Lebewesen erhöht die Sinnhaftigkeit der Arbeit enorm. Für viele Beschäftigte ist nachvollziehbar, dass ein Lebewesen regelmäßig Futter braucht, sich in einem sauberen und trockenen Stellplatz wohler fühlt als an einem nassen, dass man das Futter für den Winter im Sommer machen und einlagern muss. Sinn und Zweck der eigenen Arbeit ist zumeist unmittelbar ersichtlich.

Selbständigkeit

Das Förderziel der "Selbständigkeit" ergibt sich bei Arbeiten auf dem Hof fast von selbst. Der Beschäftigte erlebt täglich, wie anstehende Probleme und unvorhergesehene Situationen durch eigenes Zupacken und Nachdenken oder gemeinsam im Team gelöst werden. Auf Änderungs- oder Verbesserungsvorschläge der Beschäftigten bezüglich einzelner Arbeitsabläufe und Tätigkeiten kann recht flexibel eingegangen werden. Dadurch wird das Selbstbewusstsein und die Identifikation mit dem Arbeitsplatz enorm gestärkt.

Vielfältige, abstufbare Anforderungen

Die behinderten Mitarbeiter erleben in der Landwirtschaft eine Vielfalt von Arbeitsprozessen und Verantwortungsbereichen, die an anderen Arbeitsplätzen in einer WfB kaum vorkommen. Viele Arbeitsabläufe sind auch von schwächeren Beschäftigten nachvollziehbar. Das Gras wird gemäht, getrocknet und auf den Heustock geblasen, damit auch im Winter Futter für die Kühe da ist, die dieses zu Milch "verarbeiten". Das Milchauto holt die gemolkene Milch ab.

Identifikation mit der Arbeit

Der behinderte Mitarbeiter lernt den landwirtschaftlichen Betrieb trotz oder gerade wegen seiner Vielfalt als organisatorische Einheit kennen und begreift sich als einen Teil davon. Jeder Mitarbeiter ist Teil der "Mannschaft" und hilft mit seinem Einsatz, das Ganze zu erhalten, unabhängig davon, wie viel er objektiv dazu beiträgt.
Die Identifikation mit dem Hof, der Arbeitsgruppe und der landwirtschaftlichen Arbeit ist vielen Mitarbeitern sehr wichtig. In Ausrufen wie: "Mi Landwirt" (soll heißen: "Ich bin ein Landwirt") kommt diese Identifikation deutlich zum Ausdruck. Sie wird auch dann sichtbar, wenn bei der Einteilung des Wochenenddienstes kurzfristig jemand einspringt und hilft, das Heu einzubringen, obwohl dies auf Kosten der Freizeit geht.

Körperliche Auslastung

Die körperliche Arbeit kommt in vielen Fällen dem ausgeprägten Bewegungsbedürfnis der Beschäftigten entgegen.

Vereinzelt gelten Beschäftigte im handwerklich-industriellen Bereich als schwierig oder haben ein großes Aggressionspotenzial. Nach dem Wechsel in den Grünen Bereich werden sie zu Leistungsträgern. Insbesondere für Beschäftigte, die sich an handwerklich-industriellen Arbeitsplätzen beengt fühlen, kann sich die Weiträumigkeit, verbunden mit körperlich auslastenden Arbeiten, als therapeutisch hilfreich erweisen.

Jahres- und Lebensrhythmus

Die Arbeit findet überwiegend im Freien statt. Der Mitarbeiter erlebt Tages- und Jahreszeiten elementar.

Die anfallenden Arbeiten sind nicht nur an theoretische Anbaupläne gebunden. Sie richten sich nach der Witterung, die in einem sehr entscheidenden Maße die zu verrichtenden Tätigkeiten mitbestimmt. Die Beschäftigten erleben im Ablauf eines Jahres alle Extreme der Witterung.

Die Vegetationsabläufe werden bewusst miterlebt. Vom Vorbereiten des Bodens, der Aussaat, dem Pflanzen, über Pflege, Unkraut jäten und Düngung bis hin zur Ernte und Einlagerung sind die Beschäftigten immer dabei. Die Witterung wird nicht nur nach eigenem subjektiven Empfinden, sondern auch in ihrem Einfluss auf die vom Beschäftigten selbst angebauten Pflanzen beurteilt. Die Abhängigkeit vom Wetter, einer vom Menschen nicht beeinflussbaren Größe, wird unmittelbar erfahrbar.

In der Landwirtschaft kann "das ganze Leben" vom Keimen bis zur Ernte der Frucht beobachtet und miterlebt werden. Das gilt noch stärker in Bezug auf die gehaltenen Nutztiere. Das Decken, die Trächtigkeit, die Geburt, das Säugen, das Aufwachsen, Krankheiten, die Mast, aber auch das Schlachten und Zerlegen der Fleischteile finden auf dem Hof statt. Ein wichtiger bäuerlicher Beitrag zur Rehabilitation besteht in der Vermittlung elementarer Lebensvorgänge.

Die Nähe zum Tier, die Verantwortung, das Anfassen, Streicheln, Begreifen und die damit verbundene Erweiterung des Erfahrungshorizontes sowie des Selbstbewusstseins hat dazu geführt, dem landwirtschaftlichen Nutztier in der Heilpädagogik den Rang eines "Co-Therapeuten" zuzubilligen.

Mitwirkung bei der Lebensmittelerzeugung

Eine wichtige Bedeutung kommt den Produkten zu, die an die eigene Großküche, die Wohnheime oder Privatkunden verkauft werden. Wenn selbst produziertes Fleisch, Wurst, Milch und Eier verkauft werden, ist Stolz auf die eigene Arbeit spürbar. Die anderen Heimbewohner wissen, dass die Milch zum Frühstück, das Schnitzel zum Mittagessen oder der Salat zum Abendessen im eigenen landwirtschaftlichen Betrieb produziert wurden. Das hilft, den eigentlichen Wert von Nahrungsmitteln einzuschätzen. Lebensmittel kommen nicht mehr aus der Anonymität eines Einkaufcenters, der Bezug zu ihrem Ursprung ist direkt nachvollziehbar.

 
   
 
 
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FAZIT
 
Landwirtschaftliche Arbeiten sprechen körperliche und geistige Leistungsfähigkeit gleichermaßen an und bieten individuelle Fördermöglichkeiten und Ansatzpunkte zur Erweiterung des Erlebnis- und Erfahrungshorizontes. Die Praxis in vielen Werkstätten verdeutlicht, dass die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sinnvoll sind und den Bedürfnissen der behinderten Mitarbeiter entsprechen. Die Landwirtschaft bietet eine Erweiterung der pädago-gischen Möglichkeiten und Ansätze.
 

BUCHEMPFEHLUNG

 
 
Der Rubrik "LEITFADEN" liegt die Buchveröffentlichung der AGÖL "Leitfaden Ökologischer Landbau in Werkstätten für Behinderte" zugrunde.
Erschienen ist der Leitfaden im VAS - Verlag für Akademische Schriften, ISBN 3-88864-302-3,
215 Seiten mit 110 Abbildungen und 8 Vierfarbtafeln, DM 39,80
 
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