Förderung behinderter Mitarbeiter
 
   
 

Gartenarbeit und Therapie

Ein Beitrag von Konrad Neuberger, sozialtherapeutische Gemeinschaft Hof Sondern e.V.

Wenn wir Gartenarbeit als Arbeit und Therapie auffassen, gehen wir davon aus, dass der Umgang mit Pflanzen und die Bewegung in der Natur dem Patienten gut tun. Therapeutisch angewandtes Gärtnern bringt den Patienten in Kontakt mit Wachstum und Veränderung.

Die Arbeit mit Boden und Pflanzen hat den Menschen in seiner ganzen Geschichte begleitet. Unsere Sprache ist voller Redewendungen, die der Natur entliehen sind: "die Früchte seiner Arbeit ernten", "stark wie ein Baum sein", "eine blühende Phantasie besitzen", "Boden unter die Füße bekommen", "Unkraut vergeht nicht" etc.

Viele Psychiatrie-Patienten haben Probleme mit Beziehungen. Therapeutisch angewandte Gartenarbeit geht davon aus, dass ein psychisch kranker bzw. beziehungsgestörter Mensch "entwurzelt" ist. Die Orientierung an der Natur und die Rückbesinnung auf die eigene, menschliche Natur öffnet den Weg zu Normalität und Gesundheit. Jeder, der ein Stück Garten bearbeitet, kann bestätigen, dass Gartenarbeit Zufriedenheit vermittelt. Es ist beruhigend, die Dinge wachsen zu sehen. Die Gartenarbeit hilft dem Patienten, sein Interesse an Entwicklungsmöglichkeiten zu intensivieren. Die gärtnerische Betätigung verringert die Beschäftigung mit den eigenen Unzulänglichkeiten (Defiziten) und fördert die Motivation.

Durch die vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten kommen Anteile der Persönlichkeit zum Vorschein, die gesund oder defizitär sind. Das Gärtnern wird als therapeutisches Medium zum Diagnoseinstrument. Es gibt Aufschluss über psychomotorische, psychosoziale und lebenspraktische Fähigkeiten. Im therapeutischen Prozess wird versucht, diese Fähigkeiten zu fördern und zu erhalten. Sind diese Fähigkeiten klar, kann der Patient neue Fertigkeiten erlernen, Schwachpunkte aufarbeiten und das neu Gelernte langsam in seine Persönlichkeit integrieren.

 
 

Psychisches Erleben in der Umwelt

Psychische Prozesse stimulieren die Auseinandersetz ung mit der Umwelt. In ähnlicher Weise regt die Umwelt und die Tätigkeiten in ihr den Menschen zu innerem Erleben an. Nimmt ein Mensch Kontakt auf, gebraucht er seine Sinne, die an der Kontakt-Grenze (contact-boundery) funktionieren (vgl. F. Perls, 1951 bis 1974). Die Sinne übersetzen die Wahrnehmung des Kontaktes in persönliche Erfahrung und Bedeutung.

Hugo Kükelhaus bemerkt in dem Buch "Entfaltung der Sinne": "...je weniger unsere Leistungen in bewusstseinswirksame, körperliche Erfahrungen eingebunden sind, desto weniger bilden sich lebendige, fühlbar gestaltete Beziehungen zur sozialen und dinglichen Umwelt" (Kükelhaus). Für beide Aspekte, für Kontakt und körperliche Erfahrungen, die stellvertretend für viele andere genannt werden, ist die Gartentätigkeit sehr gut geeignet, da Pflanzen anregend wirken und wenig Angst erzeugen.

Durch landwirtschaftliche und gärtnerische Arbeit im Rhythmus der Natur wird dem Patienten ein festes und einsichtiges Handlungsschema geboten (säen, pflanzen, pflegen, wachsen, ernten). Damit verbunden ist das Erlebnis, dass Arbeit unabdingbar und unaufschiebbar ist (vgl. Hohm, 1982).

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine Vorgehensweise, die sicht- und wahrnehmbaren Tätigkeiten und die psychischen Prozesse, die diese begleiten, zu beschreiben.

 
 

Beziehungen zwischen der gärtnerischen Tätigkeit und dem psychischen Erleben

Bodenvorbereitung: Bestandsaufnahme: Was liegt vor mir? Was will ich? Bin ich bereit, Teile meines Lebens neu zu ordnen und so Bedingungen zu schaffen für neue Entwicklungen?
   
Säen und Pflanzen: Den Keim für neues Wachstum legen: Ich habe das Gefühl von einem guten Keim, aus dem sich etwas entwickeln kann.
   
Wachsen: Für Entwicklung und Veränderungen offen sein und akzeptieren, dass es sich hierbei um Prozesse handelt, die eine Eigengesetzlichkeit haben: Um zu wachsen, brauche ich meinen persönlichen Raum. Um zu leben, mich zu bewegen und zu entwickeln, brauche ich Anregung und "psychische Nahrung" (z.B. Kommunikation und Kontakte).
   
Pflegen: Es ist notwendig, etwas Gutes für mich selbst zu tun, den richtigen Ort und die Zeit zu erkennen und zu lernen, mich situationsgerecht zu verhalten. Meine persönlichen Probleme werden klarer, "das Feld wird bereinigt" von allem, was gegenwärtig unwichtig ist. Mir wird klar, dass ich für ein gesundes Gedeihen leibliche, intellektuelle und emotionale "Nahrung" brauche.
   
Ernten: Am Ende meiner Arbeit steht das Ergebnis meiner Bemühungen. Ich sehe ein von Erfolg gekröntes Resultat. Ich fühle mich bestätigt. Zufriedenheit und neu erlangtes Selbstvertrauen unterstützen mich bei neuen Aufgaben.
 
 

Therapeutische Begleitung

Die unterstützende Begleitung durch den Therapeuten ist notwendig, um psychische Prozesse zu akzeptieren und einzuordnen, die insbesondere in Lebenskrisen auftreten, wie sie (psychische) Erkrankungen, aber auch Tod, Trennung und schwierige (Alltags-)Probleme darstellen. Dem Therapeuten stehen, je nach Ausbildung, verschiedene Methoden und Techniken zur Verfügung, von denen die Kombination von Gartenarbeit mit Beratungsansätzen, Verhaltens-, Gestalt- oder Bewegungstherapie sinnvoll ist.

Autoritäts- und Aggressionsprobleme, Kontakt- und Abgrenzungsschwierigkeiten und viele andere Probleme sind mit den spezifischen Mitteln gemeinsamer Gartenarbeit in Kombination mit weiteren therapeutischen Methoden lösbar. Gartenarbeit unterstützt besonders die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, von Selbst- und Körperbewusstsein, von Initiative, von Kooperation und Verantwortung.

Der Schlüssel zu einer Lösung liegt meist in der ganz persönlichen Geschichte des Patienten, die der Therapeut natürlich in den wesentlichen Aspekten kennen muss. Aufgrund der meist komplizierten Verhältnisse gilt es abzuwägen, ob es darum geht, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten, Defekte auszugleichen oder zu ersetzen, neue Fähigkeiten zu entwickeln, Anpassungen vorzunehmen oder ob vorbeugende Maßnahmen nötig sind.

(Vgl. Neuberger, 1993)

 
   
 
 
Gruene-Werkstatt.de
     
 
zurück
 
Seite weiterblättern
 
zurück zur Übersicht
TIPP
 

Info über den Gesellschaft für Gartenbau und Therapie (GGuT)
erhältlich bei
Konrad Neuberger
Obersondern 6
42399 Wuppertal
Tel.: 0202/2612136
e-mail

 
HINTERGRUND
 
Die eigene Hand als Werkzeug der Veränderung erkennen "Ich glaube, ich kann nichts tun. Ich fühle mich wie Falschgeld. Die Arbeit bringt mir nichts, denn ich habe ganz andere Sorgen", sagte der Patient am ersten Tag und wollte die Arbeitstherapie im Garten wieder abbrechen. Er hatte umgegraben und hatte sich nicht darauf einstellen können. Seine Hände hatten ihm "nicht gehorcht", deshalb wollte er nicht mehr. Wir sprachen über Lust und Unlust und ich äußerte meinen Eindruck, dass er sich im Moment in seiner Haut nicht wohl fühle. "Ja, das stimmt", antwortete er. Und gefragt, welches Körperteil er möge, auch wenn er sich in seiner Haut nicht wohl fühle, bekundete er: "Meine Hände." Ich bat ihn, sie sich anzuschauen. Nach einer kleinen Weile fragte ich ihn: "Wenn irgendjemand etwas für ihn tun könne, wer wäre das? Er überlegte und sagte dann: "Meine Hände." Nach dem Gespräch konnte er die Arbeit wieder aufnehmen. Indem der Patient die eigene Hand als Werkzeug der Veränderung erkennen konnte und die Verbindung zwischen "sich wohl fühlen" und "sich mögen" (wenn auch nur partiell) hergestellt wurde, wurde sein Blick und sein Empfinden auf das Gegenwärtige gelenkt (Neuberger, 1993).
 
LINKS
 
 

BUCHEMPFEHLUNG

 
 
Der Rubrik "LEITFADEN" liegt die Buchveröffentlichung der AGÖL "Leitfaden Ökologischer Landbau in Werkstätten für Behinderte" zugrunde.
Erschienen ist der Leitfaden im VAS - Verlag für Akademische Schriften, ISBN 3-88864-302-3,
215 Seiten mit 110 Abbildungen und 8 Vierfarbtafeln, DM 39,80
 
Leseprobe (pdf-Datei)
 
Leitfaden jetzt Online bestellen
(direkt beim VAS-Verlag)
 
VAS - Verlag für Akademische
Schriften